May 18, 2024




Hunde sind treue Begleiter und vermitteln Lebensfreude, kurz: Sie sind der Traum vieler. Doch, was bedeutet es, einen Welpen zu sich zu nehmen? Das fragte sich auch Andy Fuchs aus Zetzwil (AG), der mit einem Hund liebäugelte. Der ehemalige Mechaniker und Konstrukteur sagt: «Als ich mit der Arbeit aufhörte, wollte ich meinen Alltag strukturieren.» Er sei auf die Blindenhundeschule Liestal VBM aufmerksam geworden. Die Institution habe Plätze für Welpen gesucht. Die jungen Hunde werden während rund eineinhalb Jahren bei Privatpersonen sozialisiert, bevor sie zu Blindenhunden ausgebildet werden. «Das sprach mich an, ich fand es etwas Sinnvolles, einen solchen Welpen bei mir aufzunehmen.»

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Andy Fuchs ist mit der Haltung von Katzen und Vögeln vertraut, hielt bisher aber keinen Hund. Knapp zehn Monate, nachdem er den Welpen Paco zu sich genommen hat, steht er an einem sonnigen Vormittag im Februar mit seinem inzwischen recht grossen vierbeinigen Begleiter an der Leine an einer befahrenen Strasse in Liestal im Baselland und strahlt. Er und sein Mischling (Golden Retriever und Riesenpudel) sind ein Team geworden. Mit ihm unterwegs sind Ariane Staudenmann und Gina, ein achteinhalb Monate alter Mischling zwischen Labrador und Berner Sennenhund, sowie Iris Weiskopf mit Ulany, einem sieben Monate alten Deutschen Schäferhund. Begleitet werden die drei von Peter Kaufmann, Geschäftsführer der Blindenhundeschule Liestal sowie Blindenführhund-Instruktor.

«Wesentlich ist, dass der Hund auf den Abruf reagiert.»

Peter Kaufmann, Blindenführhung-Instruktor des VBM Liestal

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Peter Kaufmann beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Hunden. Er erinnert sich: «Bereits in der vierten Klasse äusserte ich den Wunsch, Blindenführhunde-Instruktor zu werden.» Mit 26 schloss er die dreieinhalbjährige Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg ab. Dabei kam ihm zugute, dass er auch als Wildtierpfleger im Basler Zoo arbeitete. «Das Verhalten von Wildtieren zu kennen, hilft beim Hundetraining», sagt er. Er bildete in Neuseeland Blindenhunde aus und war dort in der Leitung einer Blindenführhunde-Schule tätig. Dabei entwickelte er die Idee, Hunde auch als Begleiter von Autisten auszubilden. Heute setzt er sie in der Schweiz bei der Blindenhundeschule Liestal um.

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An diesem Februarmorgen geht es nun darum, die Hunde an den Strassenverkehr zu gewöhnen. Peter Kaufmann sagt: «Junge Hunde sollten in der Sozialisierungsphase mit möglichst vielem vertraut gemacht werden.» Was für die angehenden Blindenhunde wichtig ist, ist gut für jeden Welpen. Das Leben mit dem Hund ist später einfacher, wenn er von jung auf gelernt hat, mit verschiedenen Situationen fertig zu werden, ruhig zu bleiben und auf seinen Besitzer zu achten. Ein Hund, der nicht kooperiert, wird rasch zum Problem. Peter Kaufmann präzisiert: «Ein Welpe und Junghund lernt während der Sozialisierungsphase einfacher. Später ist es anspruchsvoller, ihm etwas beizubringen.» Ein junger Hund sei darauf ausgelegt, die Welt kennenzulernen, und darum besonders aufnahmefähig. Peter Kaufmann findet es schade, wenn jemand seinen Hund im Auto lässt, anstatt ihn mit ins Restaurant zu nehmen, oder wenn der Hund zu Hause bleiben muss, wenn seine Besitzerin im öffentlichen Verkehr unterwegs ist. «Dem jungen Hund sollte alles gezeigt werden.»

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Loben führt zum Guten

Der Profi Peter Kaufmann betont: «Die Hauptsache ist, dass der Welpe eine gewaltfreie Jugend erlebt.» Positive Verstärkung ist wesentlich. Der Experte streicht heraus: «Der Hund soll seine Aufmerksamkeit auf den Menschen richten, Impulse sollen von der Halterin oder vom Halter ausgehen.»

Es komme selten vor, dass der Hund der Besitzerin direkt in die Augen schaue, denn er habe einen 230-Grad-Winkel, nehme sein Gegenüber also auch ohne direkten Blickkontakt wahr. Die Augen beim Hund liegen weiter auseinander. Zum Vergleich: Der Mensch hat einen Sichtwinkel von etwa 180 Grad, wenn er den Kopf nicht dreht. Ein Hund müsse schauen, beobachten, Situationen erlernen können, sagt Peter Kaufmann. Aber: «Er darf nicht zum Zentrum werden, das überfordert ihn. Der Mensch soll die Entscheidungen treffen.» Eben donnert ein Lastwagen vorbei. Die drei Hunde sitzen und liegen unbeeindruckt auf dem Trottoir. «Wenn der Hund etwas gut gemacht hat, sollte er belohnt werden», sagt Peter Kaufmann. Andy Fuchs lobt Paco, berührt ihn sanft. Der Hundetrainer kommentiert: «Das ist perfekt. Der Hund soll die Situation mit etwas Positivem in Verbindung bringen.» Reden, berühren und ein kleiner Leckerbissen gehören dazu. Wichtig: Wenn der Leckerbissen überreicht wird, nicht aufhören mit Loben. «Später wird der Hund nicht jedes Mal, wenn er etwas gut macht, einen Leckerbissen erhalten, doch er wird flattiert und gelobt», sagt Peter Kaufmann. Ein weiterer wesentlicher Grundsatz des Hundekenners: «Den Leckerbissen nicht überreichen, wenn der Hund bettelt.»

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Bald wird klar: Hunde lernen in kleinen Schritten. Paco etwa hat Mühe damit, ruhig an der Leine zu gehen. Er ist übermütig, wenn er die anderen Hunde sieht. Gerne möchte er mit ihnen spielen. Manchmal hüpft und springt er an der Leine wie ein Tanzbär. Da ist so viel, das ihn begeistert, interessiert, das er beschnuppern möchte. Doch, sobald er auch nur für zwei Sekunden ruhig bleibt und die Leine nicht angespannt ist, lobt ihn Andy Fuchs. «Wenn er in der Leine hängt, dann einfach ignorieren», rät Peter Kaufmann.

Blindenhundeschule Liestal / VBMDie Blindenhundeschule, 1986 als Verein für Blindenhunde und Mobilitätshilfen (VBM) gegründet, ist vom Bundesamt für Sozialversicherungen anerkannt und Mitglied in der International Guide Dog Federation. Die Hunde der Blindenhundeschule werden schweizweit von Junghundetrainer-Familien aufgezogen und auf ihre grosse Aufgabe vorbereitet. Die Blindenhundeschule Liestal bildet nicht nur Blindenhunde, sondern auch Vertrauenshunde aus und engagiert sich in der Öffentlichkeitsarbeit. Dass Blindenhunde ausgebildet werden können, ist nur dank Spenden möglich. Die Geschäftsstelle befindet sich in Liestal (BL).
blindenhund.ch

Zwischen Büchergestellen

Es gab eine Phase in Pacos Junghundedasein, wo er ruhiger war. Hat Andy Fuchs etwas falsch gemacht, dass er jetzt so quirlig geworden ist? Der Hundekenner Peter Kaufmann beruhigt und sagt: «Ein Hund entwickelt sich, ein Problem wächst sich aus. Wir sind schliesslich auch nicht immer pflegeleicht gewesen.» Es sei normal, dass der Hund eine Phase durchlebe, wo er Grenzen austesten wolle. «Das liegt in seiner Natur. Wichtig ist, dass dann der Halter nicht alles infrage stellt.» Viele Hundebesitzer würden in solchen Situationen im Internet nach Ratschlägen suchen, ihr Training ändern, anstatt die Hundeerziehung konsequent nach den gleichen Kriterien fortzusetzen.

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Peter Kaufmann weist auf ein weiteres Problem hin: «Viele, die einen Hund halten, kennen ihr Ziel nicht.» Es sei wichtig, einen Weg zu definieren, einzuschlagen und daran festzuhalten, wenn auch der Hund vielleicht mal Phasen durchmache, wo er gewisse Befehle ignoriere. «Der Junghund ist schliesslich in der Entwicklungsphase.» Wenn der Mensch beharrlich bleibe, verleihe das dem Tier Sicherheit. Es werde sich wieder an das Training erinnern, wenn die Flegelphase durchlaufen sei.

Die Situation an einer Ampel und das Überqueren eines Fussgängerstreifens meistern die drei unterschiedlichen Vierbeiner gut. Auch hier streicht Peter Kaufmann heraus: «Die Hunde sollen Freude empfinden, zu einer Ampel zu gehen.» Wesentlich sei, diese Dinge immer wieder an einfachen Orten zu üben.

Der anschliessende Besuch der öffentlichen Bibliothek läuft wie am Schnürchen. Die Hunde legen sich zwischen den Büchergestellen hin, während ihre Halterinnen und ihr Halter zur Übung von ihnen weg und zwischen den Büchergestellen hin und her gehen. Die Hunde lernen, dass sie nicht alleine gelassen werden, dass ihre Menschen immer wieder zu ihnen zurückkehren und sie belohnt werden, wenn sie ruhig bleiben.

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Treppe, Lift, alles kein Problem für die drei Hunde. Dies, weil sie es von jung auf gelernt und immer wieder repetiert haben. Schliesslich erschreckt sie auch ein heranbrausender Zug am Bahnhof nicht. Andy Fuchs erinnert sich: «Das war für Paco zuerst stressig. Er fürchtete sich vor den zischenden Türen, die sich auf Knopfdruck öffneten, wollte nicht in den Wagen.» Er hat es dann bei Zügen gelernt, die länger an einem grossen Bahnhof standen, immer wieder. «Ich war mir gar nicht bewusst, wie unterschiedlich Türen sein können, bis ich mich mit Paco damit auseinandersetzte.» Alleine bei der Bahn gebe es verschiedenste Türsysteme, und auch sonst haben sich junge Hunde an Dreh-, Schiebetüren und automatische Türen zu gewöhnen.

Paco und die anderen Hunde sind von ihrer Lerntour durch Liestal zurück im Ausbildungszentrum Weideli des VBM, etwas ausserhalb der Kantonshauptstadt. Zeit für das Spiel. Die drei tollen, jagen einander hinterher, beissen spielerisch, ihre Energie scheint unendlich.

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Vom Bellen und Jagdtrieb

Peter Kaufmann spricht derweil über ein Kernstück der Hundeerziehung, egal, ob der vierbeinige Kumpan später Sehbehinderte oder Autistinnen führen oder zu einem Familienmitglied wird: «Wesentlich ist, dass der Hund auf den Abruf reagiert. Er muss auf mich schauen, kommen, wenn ich rufe.» Das zu trainieren sei am einfachsten im Welpenalter. «Ein Welpe tappt natürlicherweise seiner Bezugsperson nach.» Die Bezugsperson geht ein Stück, pfeift oder ruft, der Welpe kommt. Richtig ist, ihn mit erhobener Stimme zu loben und mit einem Leckerbissen zu belohnen, wenn er kommt. Der Welpe merkt rasch, dass es sich lohnt, zum Menschen zu kommen, verbindet dies mit etwas Freudvollem. Ein Tabu ist, dem Welpen nachzurennen. Der Blindenführhunde-Instruktor präzisiert: «Darum ist es wichtig, den Rückruf an einem sicheren Ort zu trainieren, etwa in einem umzäunten Bereich, so dass es nicht nötig wird, den Welpen holen zu müssen, weil er sich etwa in eine gefahrvolle Situation begibt.». Ältere Hunde hätten einen grösseren Radius. «Hier kann sicherheitshalber mit der Schleppleine gearbeitet werden.»

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Der Hundeexperte weist auf eine weitere Komponente hin. «Der Hund muss den Kontakt mit anderen Menschen, mit Kindern und Artgenossen lernen. Das geht nur, wenn er gehorcht.» Peter Kaufmann bittet aber auch um Verständnis, wenn ein junger Hund noch nicht alles perfekt kann. «Junge Hunde müssen Erfahrungen sammeln können.»

Was, wenn sich Probleme beim Hund entwickeln? Wenn er etwa viel bellt? Peter Kaufmann streicht heraus, dass Hunde entsprechend ihrer Rasseeigenschaften angeschafft werden sollten. Wer also einen Appenzeller oder einen Tibet-Spaniel erwirbt, muss sich nicht wundern, wenn er oft bellt. Diese Rassen sind dafür gezüchtet worden, frühzeitig zu melden, wenn sie Menschen sehen. Jagdhunderassen haben einen ausgeprägten Jagdinstinkt. Peter Kaufman sagt zum Bellen: «Ein Hund bellt, wenn er sich nicht wohlfühlt. Weil das Bellen stört, reagiert der Mensch. Er prägt den Hund somit falsch.» Der Hund lernt, dass er Aufmerksamkeit erhält, wenn er bellt. Gut ist, ihn zu ignorieren und dann zu belohnen, wenn er ruhig ist. Zum Jagdinstinkt: Der Jagdtrieb eines Hundes kann gefördert werden, indem ihm Gegenstände geworfen werden, die er apportieren soll. «Der Hund lernt, einem fliegenden Gegenstand nachzurennen. Der Schritt ist klein, dass er später einem Tier nachsetzt, das davonrennt.» Wer also gegen den Jagdtrieb ankämpft, sollte dem Hund keine Gegenstände zum Apportieren werfen.

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Es sei nicht unmöglich, falsch eingeprägte Eigenschaften wieder abzugewöhnen. «Oft ist es aber ein langer Weg, der viel Geduld erfordert», sagt Peter Kaufmann. Problematisch könne es werden, wenn ein Hund aufgrund unglücklicher Ereignisse Angst entwickle, etwa wenn ein Lastwagen vorbeifahre und es zugleich einen grossen Knall gebe. «Das wieder wegzubekommen, ist schwierig, denn Ängste gehen tief.»

Vorschriften zur HundehaltungWelche Rassen gehalten werden dürfen, regelt jeder Kanton unterschiedlich. Wer neu einen Hund angeschafft hat, muss ihn auf der Gemeindeverwaltung seiner Wohngemeinde melden. Seit dem Januar 2007 muss jeder Hund in der Schweiz mit einem durch den Veterinär eingepflanzten Mikrochip gekennzeichnet sein. Jeder Welpe wird durch den Züchter in einer Datenbank registriert. Die Bestimmung, dass ab September 2010 Hundehaltende in der Schweiz einen Sachkundenachweis erbringen müssen, bestehend aus einem theoretischen und einem praktischen Teil, wurde durch das Parlament 2016 wieder abgeschafft. Manche Kantone bestehen aber weiterhin auf dieser Pflicht. Eine Erkundigung ist notwendig. Die Tierschutzverordnung schreibt vor, dass Hunde Kontakt mit Menschen und Hunden haben müssen.

 

Geduld führt zur Stubenreinheit

Ob junge Hunde oder Kinder, die Unterschiede bei der Entwicklung und Erziehung sind nicht allzu gross. Und sicher ist: Ob Kind oder Hund, beides bringt tiefgreifende Veränderungen ins Leben. Es geht nicht einfach so nebenher, einen Hund in die Familie zu holen. Das wusste Andy Fuchs, als er sich für Paco entschied. Er fuhr nicht mehr in die Ferien, sondern konzentrierte sich ganz auf seinen Kumpan, richtete sein Leben entsprechend anders aus.

Als am Tag, an dem das kleine schwarze Bündel bei ihm zu Hause ankam, die Nacht hereinbrach, winselte und jammerte Paco. Der frisch von seiner Mutter und den Geschwistern getrennte Welpe litt in der Nacht an Einsamkeit, fühlte sich verloren. Andy Fuchs erinnert sich: «Ich legte mich dann während den ersten drei Nächten zu ihm auf den Boden und schlief dort auf Kissen.» Das habe Paco Sicherheit vermittelt. «Nachher schlief er, ohne zu jammern, in seinem Hundebett am Boden in meiner Nähe.»

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Geduld war auch angesagt, bis Paco begriff, dass er sein Geschäft draussen erledigen sollte. «Obwohl ich stündlich mit ihm nach draussen ging, verschmutzte er regelmässig den Wohnungsboden.» Schliesslich habe er sein Geschäft nur noch in der Küche erledigt, bis er dann im Alter von sechs Monaten ganz plötzlich stubenrein geworden sei. Heute könne er problemlos nachts acht bis zwölf Stunden drinnen bleiben. Normalerweise zeigt ein Welpe sein Bedürfnis kurz an. Das ist der Moment, in dem der Halter mit ihm nach draussen geht, ihn lobt, wenn er dort sein Geschäft erledigt. Paco sei in dieser Beziehung emotionslos gewesen. «Er hat seine Sache aus dem Nichts heraus fahren lassen», erinnert sich Andy Fuchs. Heute geht er mit Paco normalerweise morgens nach dem Aufstehen auf eine Versäuberungsrunde von etwa 20 Minuten. «Je nach Programm unternehme ich dann im Verlauf des Vormittags oder am Nachmittag einen Ausflug mit Trainingsphase von zweieinhalb bis drei Stunden», sagt Andy Fuchs über seinen Tagesablauf mit Paco. Abends unternimmt er nochmals eine Runde mit dem Hund.

«Mein Tagesablauf heute ist durch den Hund bestimmt», betont Andy Fuchs und erzählt von weiteren Erlebnissen mit seinem lebhaften Pflegling: «Im jugendlichen Übermut riss Paco einen Teppich auf, liess anderes aber in Ruhe.» Mit der Katze habe er spielen wollen, sie habe allerdings mit wenig Gegenliebe auf seine Avancen reagiert. «Heute akzeptieren sie sich zumindest.»

Wie die meisten jungen Hunde wollte auch Paco anfangs am Menschen hochstehen. «Ich schubste ihn immer gleich weg», sagt Andy Fuchs. So war diese Verhaltensweise bald kein Thema mehr. Auch an die Bahn hat Andy Fuchs Paco sachte herangeführt. «Ich sass beim Bahnhof auf eine Bank, Paco lag daneben und beobachtete herannahende Züge, sah, wie Menschen aus- und einsteigen.» Heute geht er problemlos in eine Bahn, bei Autofahrten liegt er ganz ruhig im Kofferraum. Ja, Paco fuhr sogar mit der Gondel auf einen Berg. «Auch dort liess ich ihn zuerst zuschauen. Als er das Prinzip kannte, ging es gut», erzählt Andy Fuchs. Auch die Angst vor Lastwagen und Traktoren überwand Paco, da ihn Andy Fuchs immer wieder damit bekannt machte, ihm Sicherheit verlieh und ihn lobte, wenn er sich ruhig verhielt.

Verschiedene Wege

Nicht nur der Alltag sollte ein Welpen und Junghund in allen Fazetten kennenlernen. Auch die Pflegemassnahmen, die je nach Rasse unterschiedlich ausfallen, sollten bereits einem Welpen beigebracht werden. Wie etwa das Bürsten des Fells oder der Gang zum Hundecoiffeur. Ein heikles Thema sei die Ernährung, sagt Peter Kaufmann und lächelt verschmitzt. Wichtig sei, dass die Wachstumskurve des Welpen kontrolliert werde. «Erhalten Junghunde zu viel Futter, wachsen sie schneller.» Das sei nicht das Ziel. In der Blindenhundeschule Liestal werden die Hunde mit einem Pelletfutter eines bekannten Herstellers gefüttert. «Welpen erhalten viermal täglich Portionen, erwachsene Tiere zweimal täglich», erklärt Peter Kaufmann. Leckerli sind Zusatzgaben.

Es gibt über 400 Hunderassen weltweit. Die Fédération Cynologique Internationale (FCI) anerkennt um die 246. Auch die Schweiz hat laut der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft (SKG) neun Hunderassen. Trotz der Vielfalt bleiben die Erziehungsgrundsätze für jeden Hund gleich, vom Chihuahua bis zur Dogge. Dies, weil alle mit dem Wolf den gleichen Vorfahren haben. Die Domestikationsgeschichte begann laut archäologischen Funden und Forschungsberichten vor gut 15 000 Jahren, eventuell gar an zwei verschiedenen Ausgangspunkten. Die meisten Hunde erinnern heute kaum noch an einen Wolf. Sie weichen sogar in vielen Genen von ihrem Stammvater ab, schreibt der USA-Evolutionsbiologe Jonathan B. Losos.

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HundezuchtSobald mehr als 20 Hunde oder 3 Würfe mit Welpen pro Jahr abgegeben werden, gilt eine Hundezucht in der Schweiz als gewerbsmässig. Dann muss eine fachspezifische berufsunabhängige Ausbildung (FBA) absolviert werden, die vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen anerkannt ist. Der Schweizerische Kynologische Verband (SKG) beispielsweise bietet eine solche Ausbildung an:
skg.ch – Aus- und Weiterbildung.

Auch in der Blindenhundeschule Liestal werden unterschiedliche Rassen ausgebildet. «Sehbehinderte sollen wählen können, welchen Hund sie als Lebensbegleiter möchten. Das ist wichtig für das Vertrauen, das sie während ihrer etwa achtjährigen Beziehung zum Hund aufbauen», sagt Peter Kaufmann. Kriterium für einen Hund sei, dass er konditionell für die Aufgabe geeignet sei. Dazu gehöre auch eine gewisse Grösse. «Grundsätzlich kann man jedem Hund die entsprechenden Aufgaben beibringen.» Hunde der Rasse Labrador könnten im Zwinger gezüchtet werden, darum würden sie oft im Einsatz mit Sehbehinderten gesehen. Peter Kaufmann sagt: «Die Blindenhundeschule Liestal wählt die Welpen direkt bei verschiedenen Züchterinnen aus, züchtet also selbst nicht. Auch darum ist unser Rassespektrum viel grösser.»

14 verschiedene Rassen und Mischlinge werden in Liestal vom Welpen zum Junghund sozialisiert, so wie Paco. Ob er einst ein Blindenhund wird, steht noch in den Sternen. Etwa sieben von zehn Hunden eignen sich dazu. Sollte dies Pacos Weg sein, dann wird er ab Ende Herbst während etwa acht Monaten von einem Blindenführhund-Instruktor ausgebildet und muss eine strenge Prüfung unter Aufsicht einer verantwortlichen Person der Invalidenversicherung bestehen. Peter Kaufmann sagt: «Wir entscheiden nach dem Junghundetraining und vor der Ausbildung, für welche Aufgabe ein Hund ausgebildet werden soll. Unsere Hunde können drei Karrierewege durchlaufen, entsprechend ihren Talenten: Entweder sie werden Blindenhund, Vertrauenshund, das sind Assistenzhunde für Menschen mit Autismus, oder Botschafterhund.» Als Botschafterhund würde Paco bei Andy Fuchs bleiben, der mit ihm für die Anliegen der Blindenhundeschule Liestal werben würde. Auch hier zeigt sich: Hunde sind wie Menschen. Sie haben unterschiedliche Neigungen. Und klar ist: Für Paco gibt es immer einen Weg. Andy Fuchs ist schon jetzt sicher: «Eignet er sich weder als Blinden- noch als Begleithund, bleibt er bei mir und wirkt als Botschafter.»

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Entwicklungsstufen eines WelpenIm Welpenalter, das zehn bis zwölf Wochen dauert, sind die Welpen bei der Mutter. Normal gebiert sie um die vier Welpen, mehr als zehn sind selten. Auch bei Welpen aus dem gleichen Wurf sind die Charaktere unterschiedlich, ab sieben Wochen prägen sie sich aus. Manche sind freiheitsliebend, andere forsch. Die Blindenhundeschule Liestal hält beispielsweise nach aufgestellten, menschenbezogenen Welpen Ausschau.

Die Prägungs- und Sozialisierungsphase beginnt, sobald der Welpe beim zukünftigen Besitzer ist, also ab der zehnten oder zwölften Woche. Die Welpen beginnen, die nähere Umgebung zu erkunden, lernen etwa Gras, Gegenstände, den Wind und das Sonnenlicht kennen. Grundsätzlich will der Welpe in seiner «Höhle» sein, das heisst, daheim. Der Welpe sollte nicht mit zu vielem belastet und nur kurz nach draussen gebracht werden. Ein Grundsatz: Der junge Hund sollte nur so viele Minuten gehen müssen, wie er an Wochen alt ist. Pausen dazwischen sind wichtig. Menschen sollten ihm ein Geborgenheitsgefühl vermitteln.

In der Junghundephase ab etwa der 16. Woche hat der Hund grosses Interesse, dabei zu sein. Der junge Hund will die Welt kennenlernen, er sucht Vorbilder. In dieser Entwicklungsstufe sollte nicht immer auf den Hund eingegangen werden. Wenn ihn etwa ein Gegenstand begeistert, sollte er nicht beachtet werden. Er darf nicht zum Mittelpunkt werden. Das würde ihn überfordern. Der Hund soll lernen, sich auf den Menschen zu fixieren. Dem Hund soll das Gefühl vermittelt werden, dass alles richtig ist.

Meist im Alter von sieben Monaten kommt der Hund ins Teenageralter. Er wird langsam geschlechtsreif, Rüden beginnen zu markieren, Hündinnen werden läufig. Das Hundehirn macht eine Entwicklung durch. Plötzlich wird vieles, das immer einfach war, zum Problem. Dies kann auch dazu führen, dass der Hund vorübergehend ängstlich wird. Erlerntes sollte mit gleichen Methoden weitervermittelt werden, auch wenn der Hund zwischenzeitlich nicht mehr so folgsam ist. Es wäre zu früh, in dieser Phase eine spezifische Ausbildung in Angriff nehmen zu wollen.

Ab dem 16. Lebensmonat, je nach Rasse, beginnt die Adoleszenz. Der junge Hund wird langsam erwachsen, sein Charakter ist offen. Wolfsmännchen bilden in dieser Phase ein lockeres Rudel. Was Welpen und jungen Hunden beigebracht wurde, was sich ihnen eingeprägt hat, festigt sich jetzt. Blindenhunde werden ab diesem Alter ausgebildet. Bis ins Alter von zweieinhalb Jahren erreichen Hunde soziale Reife.

 

 

 

 



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