Gänseliesel

 

Die Entstehung "der Gänseliesel"

 

Eine Liebesgeschichte auf den Welsh-Terrier

Irmtraut Becker

 

Schon als Kind hatte ich eine Schwäche für drahthaarige Terrier. Deshalb kam auch nur einer in Frage, als wir, meine Mutter und ich, uns vom letzten Geld einen Welsh-Terrier kauften, ehe wir 1949 Halle an der Saale verließen. Wir fuhren mit der Straßenbahn nach Seeben/ Saalkreis, wo der Züchter Otto Henze wohnte, der Welsh-Terrier und Deutsch- Drahthaar züchtete. Dort erstanden wir unseren 1. Welsh-Terrier- Rüden "York von der Fasanerie".

Auf den Kauf reagierte die Familie ziemlich allergisch. Wir mussten unseren Hund bis zur Abreise bei meiner Tante unterbringen. Bei Nacht und Nebel verließen wir dann Halle, um in den Westen zu fahren. Von Atzenhausen aus, bis dorthin fuhr der Zug, dann war Schluss, gingen wir ziemlich bepackt zu Fuß weiter nach Hohengandern, wo ein Maurer von uns wohnte, der täglich über die Grenze ging, um in Göttingen zu arbeiten. In Hohengandern wurde unser Gepäck auf ein Pferdefuhrwerk geladen, welches uns bis an die Grenze brachte. Von dort aus konnte man dann leicht den Bahnhof Eichenberg erreichen, der im amerikanischen Sektor lag.

Kaum angekommen, wurde dann auch eine Razzia von den Amerikanern durchgeführt, die jeden Einzelnen gründlich kontrollierte. Wir drei wurden als tatsächliche Grenzgänger verschont. Für die Amerikaner muss es unwahrscheinlich gewesen sein, dass man über die Grenze auch noch einen Hund mitbringt. Es war schon dunkel, als wir dann spät abends in Göttingen eintrafen. Am liebsten hätte mein Vater uns samt Terrier wieder an die frische Luft gesetzt.

Als wir ihm aber erklärten, dass er einen Welsh-Terrier auch jagdlich ausbilden könnte und er eigentlich der Nutznießer sei, gab er dann schließlich nach und "Yax", wie wir ihn nannten, durfte bleiben. "Yax" war der Liebling der Familie. Ein Terrier, noch dazu ein Welsh war zu dieser Zeit sehr selten, und wir mussten oft von den Passanten hören; "Seht da kommt ein Selbstgestrickter".

An einem heißen Tag im Juni 1950 fand in Göttingen die einzige Rassehunde-Schau statt. Dort errang "York von der Fasanerie" in der Jugendklasse den 1. Preis. Anschließend gab in mein Vater zur Ausbildung in den Bayrischen Wald, von wo er nicht wieder zurückkehrte. Auf einer Saujagd im Winter wurde er an der Sau hängend erschossen. In der ganzen Familie herrschte große Trauer und es wurden viele Tränen vergossen. Ein neuer Welsh musste wieder her. Ich habe die großen Ferien noch nie so herbei gesehnt, wie damals, als ich endlich im August 1951 nach Halle fahren durfte. Dort ging ich gleich zu Otto Henze, der inzwischen in die Franzigmark umgezogen war, um einen neuen Welsh-Rüden auszusuchen. Ich erstand "Brutus von der Fasanerie" für 200,- DM, was damals sehr viel Geld war. Brutus, gen. Bastel, war in den Augen meines Vaters dumm und nicht zur Jagd geeignet. Was meinen Vater aber nicht daran hinderte, ihn jedes Mal mitzunehmen. Meine Mutter und ich mussten ihn dann auch öfters wieder zusammenflicken, da er sich immer wieder mit den großen Jagdhunden anlegte.

Bastel wurde unter der Zuchtbuch-Nr. 11972 Bd. 46 in das Zuchtbuch im KFT eingetragen, da er einmal ganz legal Vater wurde. Als Deckprämie erhielten wir den Welsh-Terrier-Rüden "Alf vom Warteberg". Nun besaßen wir zwei Welsh-Terrier. In einer Mietwohnung nicht tragbar, da sie sehr lebhaft waren. Schweren Herzens musste ich mich von Bastel trennen, der in eine befreundete Familie kam und dort ganz Familienhund war.

Caineaux Crusader

"Caineaux Crusader"

Alf sollte nun die Nachfolge von York antreten und zur Jagd ausgebildet werden. Nur eignete er sich als Wachhund besser, da er ganz auf mich geprägt war. Jedem männlichem Wesen ging er an die Hosen, selbst mein Vater und mein Bruder wurden nicht verschont. Bei jeder Gelegenheit musste er mich verteidigen, was manchmal auch sehr lästig war. Auch mein Mann machte die Bekanntschaft mit seinen Zähnen und war gar nicht davon entzückt.

Unser Alf wurde nicht sehr alt. Anlässlich eines Jagdausfluges im Winter wurde er von Skifahrern überfahren und erlitt Knochenbrüche und war querschnittsgelähmt. Diese Sache stellte die Klinik aber erst fest, als er nach Heilung der Brüche die Hinterläufe nicht mehr bewegen konnte. Mein Vater ließ ihn dann während meiner Abwesenheit einschläfern.

Lange durften wir dann keinen Hund halten, da der Hausbesitzer inzwischen gewechselt hatte. Als dann mein Mann und ich im Januar 1962 in Halle den Haushalt von meinen Großeltern auflösen mussten, stand für uns fest, dass wir ohne Hund nicht wieder nach Göttingen fahren würden. Wir verkauften kurzer Hand die Fernsehtruhe, um von diesem Geld einen Welsh-Terrier zu kaufen. Wir fuhren dann auch vor unserer Abreise in die Franzigmark zu Otto und Edith Henze. Er hatte aber nur eine Hündin da. Versprach uns aber noch einen Rüden, den er als Deckprämie erhalten sollte. Wir kauften beide, "Anka von der Fasanerie" und "Cox vom Rhonetal".

"4 vom Gänseliesel"

Da es zu der Zeit nicht verboten war, Hunde aus der DDR auszuführen, aber Rassehunde evtl. beschlagnahmt werden konnten, wurden beide vorsichtshalber als Promenadenmischung deklariert und kamen so nach Göttingen. Die Grenzer gaben uns dann auch den wohlmeinenden Rat, wir sollten uns lieber Kinder, als Hunde anschaffen. Genau äußerten sie sich "als solche Krebel".

Mit zwei Welsh-Terriern an der Leine fällt man auf. Wir machten die Bekanntschaft eines Airedale-Besitzers, der uns für den Klub für Terrier warb. Ehe wir uns versahen, waren wir Mitglieder und am 14. Juli 1963 fuhren wir nach Sindelfingen auf unsere 1. Terrierschau, um "Cox vom Rhonetal" auszustellen. Anka war kurz vorher überfahren worden. Wir waren sehr stolz auf das Prädikat -sehr gut-, was er bekam. Die anderen Aussteller waren uns Neulingen gegenüber sehr reserviert. Dieses Verhalten bezweckte bei uns genau das Gegenteil. Unser Ehrgeiz war geweckt. Das Fieber, das jeden Aussteller befällt, wenn die Einladungen ins Haus flattern, packte auch uns. Es waren noch wenige Ausstellungen im Jahr, teilweise nur mit 40 - 50 Terriern. Die Ausstellungen fanden im kleinen Rahmen statt und es kam vor, wenn es regnete, dass dann ein Bootsschuppen oder ein Gastraum den Anforderungen genügen mussten.

Moritz vom Gänseliesel

(Schutz-Hund I)
"Moritz vom Gänseliesel"
Z. I. Becker, Göttingen - Bes. Frida Geier OG Essen I
Die Fotos zeigen "Moritz" beim Schutzdienst

Moritz vom Gänseliesel

Für uns stand fest, zu unserem Rüden musste unbedingt eine neue Hündin dazu. Mein Mann, der auf der Fahrt zur Cruft-Show 1964 einige maßgebliche Leute kennen gelernt hatte, setzte sich mit ihnen in Verbindung. Mit Herrn Gessert aus Bonn wurde dann aus einem Wurf von dem Züchter K. Wendeberg die Hündin "Britta vom Roten Busch" ausgesucht.

Bei uns hatten sich zwei Kinder eingestellt, so dass wir kaum noch auf Ausstellungen fahren konnten. In der Klubpropaganda wurden wir zur Eintagsfliege abgestempelt.

Wir hatten aber zwischenzeitlich unseren Zwingernamen angemeldet, und zwar nach unserer Brunnenfigur in Göttingen, dem Gänseliesel, welche die meistgeküsste Jungfrau der Welt ist.

Der Gänselieselbrunnen in Göttingen.

Nach den ersten Würfen stellten wir fest, dass Britta, so liebenswert sie auch war, das Wahre in der Zucht und auf den Ausstellungen nicht brachte. Die beiden Blutlinien passten nicht zusammen. Da wir mit dem Material, das wir für die Zucht hatten, nicht weiter kamen, sah sich mein Mann auf der Cruft-Show 1968 nach einem Rüden um. Es wurde ihm der Rüde "Caineaux Crusader", 3 mal Klassensieger und best Puppy in Breed, für viel Geld angeboten. Mein Mann lehnte ab. Durch die beruflichen Beziehungen zu englischen Firmen, beauftragte mein Mann einen englischen Geschäftspartner sich mit dem Züchter von "Caineaux Crusader" in Verbindung zu setzen und den Rüden für uns zu einem vernünftigen Preis zu erwerben.

Deveraux Lalizma   Caineaux Crusader

"Deveraux Lalizma" & "Caineaux Crusader"

Das ging besser als erwartet und wir konnten ihn im Oktober 1968 in Hannover in Empfang nehmen. Die ersten Welpen, die nach ihm fielen, waren in der Qualität wesentlich besser.

Nun hatten wir einen vorzüglichen Rüden und wir fuhren wieder auf die Ausstellungen. Becker´s waren wieder da. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Unser Tommy wurde jedes Mal mit -vorzüglich- bewertet und wurde unser 1. Deutscher Champion. Wir holten uns noch die Hündin "Deveraux Lalizma", gen. Lady, aus England. Auch sie holte einige Anwartschaften. Aus dem 1. Wurf der Beiden sind die Erfolgreiche "Maxi vom Gänseliesel" und der vielmals mit Erfolg ausgestellte "Moritz vom Gänseliesel", der sogar die SchH I-Prüfung machte, hervorgegangen.

Maxi vom Gänseliesel

"Maxi vom Gänseliesel"

1972 Jgd. Sieger Luxemburg
1973 Sieger Polen
1974 Schweizer Sieger, Schweizer
Clubsieger, Internationaler Champion,
Deutscher Champion

Nach 10 Jahren harter Arbeit zeichnete sich nun der Erfolg ab. Wir importierten noch den Rüden "Deveraux The Bouncer". "Melanie vom Gänseliesel", eine Tochter von ihm und Lady, wurde unser 3. Deutscher Champion.

Etliche Rückschläge mussten wir auch wieder einstecken, da wir auf die Parole hörten: nur in England gibt es gute Hunde. Aber das, was wir importierten, passte nicht immer in unsere Linie. Wir sind im Laufe der Zeit zu der Erkenntnis gelangt, dass wir in unserer selbst aufgebauten Linie weiterzüchten werden. Lehrgeld haben wir genug bezahlt. Wir werden in Zukunft kaum noch auf Experimente einlassen. Unsere Hündinnen sind, soweit sie keinen Siegertitel haben, alle Vorzüglich-Auslese. Bei der großen Konkurrenz der Welsh-Terrier, vor allem bei der Vielzahl der jährlich importierten englischen Champions, die jedes Jahr auf die Ausstellungen gebracht werden, eine beachtliche Leistung.

Viele unserer Gänseliesels sind inzwischen in Europa und in Deutschland zu Hause.

50 Jahre Welsh-Terrier und 35 Jahre "Welsh-Terrier vom Gänseliesel" sind eine lange Zeit, sich aneinander zu gewöhnen. Jeder der Welsh hat einen anderen Charakter und ab und zu knurren wir uns auch mal gegenseitig an. Aber wir möchten sie nicht mehr vermissen...

"unsere Gänseliesels".

Usch vom Gänseliesel

"Usch vom Gänseliesel"
KFT - Jugendchampion,
von 9 Ausstellungen 1980 5 x BOB,
1 x Gruppensieger, 1 x 2. bester Hochläufer


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      Stand: 28. Dezember 2008

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